Amjad, Roswitha und der Walnussbaum: Interkulturalität im Alltag?

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Amjad ist 5 Jahre alt. Sein Vater kommt aus Marokko und die Mutter aus Bulgarien. Die Muttersprache von Amjad und seinen Geschwistern ist Deutsch, aber er protzt immer damit, dass er auch Bulgarisch und Arabisch kann. Als die Mutter ihn vom Kindergarten abholte, wollte er ein bisschen neben seiner besten Freundin Amelie schaukeln gehen. Amjad steigt von Schaukel runter und sagt zur Amelie “Guck mal. So viele Walnüsse. Lass uns welche sammeln”.  Amelie ist zögerlich, weil die wartende Oma, Roswitha sie warnend anschaut. Amjad fragt Roswitha, warum sie keine Walnüsse nehmen dürfen. Es sind ja ganz viele da, unter der Rutsche, überall und der Spielplatz ist voll davon. Roswitha antwortet vehement “Man macht das nicht. Zumindest in unserem Kulturkreis”. Amjad versteht das nicht und fragt “was ist Kul..kreis”. Amjads Mutter schaut Roswita sehr verärgert an und packt ihn an “Wir gehen jetzt sofort”. Amjad schaut verblüfft, aber er geht mit seiner Mutter und verabschiedet sich “Tschüss Amelie”.

Ein Kollege hat diese Erfahrung beim Abholen seiner Kinder von der Kita beobachtet. Unsere Diskussion war, ob das was mit Kultur zu tun hat. Die Frage ist anders formuliert: was ist das Interkulturelle in diese Begegnung?

Eine sehr interessante Definition für Interkulturalität stammt aus dem einflussreichsten Zentrum für interkulturelle Studien der Universität in Mainz : “Interkulturalität bezeichnet den ganzen Komplex der Kommunikation und Interaktion zwischen verschiedenen Kulturen. Kultur ist dabei in einem weitgefassten Sinn als Lebensform größerer, in gemeinsamer Überlieferung fundierter Gemeinschaften zu verstehen. Die meisten, insbesondere die modernen Kulturen sind zugleich multikulturelle Gemeinschaften mit ausgeprägten interkulturellen Differenzen”. Die Definition hat starke ethnologische Bezüge und in seiner Grundfunktion eine komplett entgegengesetzte Richtung zu anderen Konzeptionen, wie z.B. bei Frank-Olaf Radtke, Kulturen sprechen nicht. Die Politik grenzüberschreitender Dialoge, 2011. Diese genannte Definition ist sehr stark vertreten und hat sich trotz aller Kritik durchgesetzt. Wenn man in den Medien von Interkulturalität redet, dann ist meistens eine stabile und überdauerende Beeinflussung des Individuums durch eine oder mehrere kulturellen Systeme darunter zu verstehen ist.

Jedes individuelles Verhalten ist mitunter kulturell beeinflusst. In anderen Situationen ist manches Verhalten mehr situativ bzw. stark individuell zu begründen ist. In der ausgeschilderten Situation ist sicherlich was kulturelles dabei: Die Oma hat gegenüber ihrer Enkelin gewisse Verantwortung und möchte bestimmte normative Erwartungen bzgl. Regeln weitergeben; also Sozialisation in der einfachsten Form. Missverständnisse resultieren meistens, wenn bestimmte normative Erwartungen den Akteuren nicht explizit bekannt sind und wenn eine Partei erwartet, dass sich die anderen Parteien ohne Aushandlung (also ohne Diskussion) daran halten muss. Missverständnisse können sich verfestigen, wenn sich eine Partei auf eine abstrakte Ebene bezieht: unser Kulturkreis, unser Wertesystem usw., während die andere das ganze als persönliche Kritik oder gezielte Beleidigung empfindet. Und das ist Interkulturalität im Alltag, natürlich neben den anderen exotischen und immer-gerne-als-fremde wahrgenommenen Gruppen von Menschen und Lebensstilen!!!20151021_154107

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Pegida in der arabischen Welt und die Überfremdung des Morgenlandes?

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Ein Jahr ist vergangen seit der Gründung der Protestbewegung der Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes Pegida. Ich als Interkultualist und Humanist bin ideologisch überzeugt, dass wider Islamisierung des Abendlandes noch Christianisierung des Morgenlandes stattfinden. Es ist mehr oder weniger ein Prozess der identitätsstiftenden Konstruktion. Ängste der Überfremdung gab es schon vor der Entstehung von Pegida sowie die mythenhafte Wahrnehmung einer islamischen Invasion des Abendlandes. Ironischerweise  findet das Ganze in Dresden statt, wo ein Muslim und Araber ein der größten Arbeitgeber der Stadt ist. Ich möchte in diesem Beitrag die Frage umgekehrt stellen: gibt es Pegida in der arabischen Welt? Durch die Recherche bin ich auf einen Artikel aufmerksam geworden und eigentlich nur aufgrund der polemischen Überschrift bin ich daran stehengeblieben aber ohne Antwort zu finden.

In der arabischen Literatur benutzt man das Wort Überfremdung eher selten und man würde behaupten, dass die meisten Schriften von Linke, Marxisten bzw. eher von Intellektuellen mit Neigung zum Kommunismus stammen.  Die arabische Definition von Überfremdung oder “ightirab” (الإغتراب) bedeutet etwa die Assimilation bzw. die Aufgabe der eigenen kulturellen Identität und das völlige Verschmelzen in anderen importierten Kulturen.  Bei den meisten Schriften geht es um Angst um die Verlust der islamischen Identität. Diese Angst ist keineswegs ein Produkt der Globalisierung , sondern existiert schon seit der französischen Expedition 1798-1801 und übernahm erste theoretische Bezüge in den frühen Jahren des 20. Jahrhunderts, wie bei Mustafā Sādiq ar-Rāfi. Auch wenn dieses Phänomen vor 2 Jahrhunderten begann, existiert immer noch heute und beschäftigt weiterhin viele Intellektuelle, durch wissenschaftliche Untersuchungen oder Interviews in verschiedenen Medien. Der arabische Begriff Überfremdung ist allerdings sehr nah am philosophischen Begriff der individuellen Entfremdung und ein deckungsgleicher Begriff wäre “Cultural Cringe”, wie ausführlich von Halim Barakat in seinem Buch (al-igtirab fi althikafa alrabyia; الاغتراب في الثقافة العربية) beschrieben.

Überfremdung im kollektiven Sinne a la Pegida ist im Arabischen mit “Kultureller Invasion” zu verstehen. Und dafür gibt es beachtliche Menge von Veröffentlichungen. Kulturelle Invasion ist das absolute Gegenteil von interkulturellen Austausch und Interkulturalität insgesamt. Es geht um Kampf zwischen Sieger und Besiegten, keine Gleichberichtigung aller Kulturen, sondern eher um Kampf der Kulturen im sozial-darwinistischen Sinne. Eine kulturelle Invasion möchte ein islamisches Lebensmuster und eine islamische Identität vernichten und durch westliche Universalien ersetzen. Eine kulturelle Invasion vereint alle: egal ob islamisch ausgeprägt oder link-sozialistisch-Marxistisch Liberal sozialisiert sind. Die ersten sehen das als Verdrängung islamischer Werte und Scharia Vorstellungen und die anderen betrachten das als Siegeszug des Imperialismus und eine neue Form der Kolonialisierung. Der iranische oberste Rechtsgelehrte Ali Khamenei hat eine sehr interessante und lesenswerte Schrift diesbezüglich geschrieben und dabei registriert er stolz, dass Iran das einzelne Land in der islamischen Welt sei, das vehement gegen jegliche Form der kulturellen Invasion kämpft. Er hat auch irgendwie Recht, wenn man solche Schlagzeilen über das mittelalterliches Vorgehen der Religionspolizei in Iran liest oder dass der Fußfallspieler Dejagah Ärger bekommt, weil seine Tätowierungen und extravagante Frisuren eine „westliche kulturelle Invasion” darstellen, die die islamischen Werte gefährden. Gleiches Vorgehen findet man heute nur in Nordkorea, wo man wegen des kapitalistischen Gifts zensiert.

In einem interessanten Artikel systematisiert Rotraud Wieland die “Kulturelle Pluralität und Globalisierung in der Sicht zeitgenössischer muslimischer Intellektueller” und dabei beginnt mit einem gemeinsamen Gedanken der Befürworter der kulturellen Invasion: “Der Westen ist noch bestrebt, den Angehörigen aller nichtwestlichen Kulturen seine eigenen Wertvorstellungen und Lebensmuster, insbesondere diejenigen, die konsumsteigernd wirken, als universal gültig aufzuzwingen, ihnen aber zugleich den Anschluss an den im Westen erreichten Stand von Naturwissenschaft und Technik zu erschweren, damit sie weiterhin westliche Produkte teuer kaufen müssen.” Neben den Befürworter für diese Annahme gibt es auch Gegner, wie Mahmoud Amin Alalim, der eher an einer Weltkultur glaubt, “die durch immer engere Kommunikation
und Zusammenarbeit und einen Grundbestand an gemeinsamen Wertorientierungen und Lebensformen aller Erdenbewohner gekennzeichnet, dabei aber in sich selbst durch die Fortentwicklung einer Vielzahl unterschiedlicher Kulturtraditionen, die gleichberechtigt um die Findung der jeweils besten Lösungen wetteifern, hochgradig differenziert ist”. Fathi Al-Turayki betonnt das Konzept der kulturellen Pluralität: “Er spricht sich insbesondere dafür aus, den unter muslimischen Arabern vorhandenen divergierenden Glaubensauffassungen und Lebensstilen wie auch religiösen und ethnischen Minderheiten eine ungehinderte Entfaltung zu ermöglichen.”

Die Debatte um eine Überfremdung des Morgenlandes bzw. kulturelle Invasion ist momentan nicht so von einer höchsten gesellschaftlichen Bedeutung. Es war ein Thema der Intellektuellen und entstammt nicht aus der Mitte der Gesellschaft. Ich habe nie von einer Protestbewegung gegen Ausschenken von Alkohol in touristischen Städten, wie Hammamat, Hurghada oder Istanbul gehört, auch wenn islamisch-traditionalistische gesonnene Teile der Gesellschaft das nicht akzeptieren. Eine organisierte Protestbewegung, die eine angebliche Überfremdung oder kulturelle Invasion des Morgenlandes bzw. der arabischen-islamischen Welt gab es meines Wissens bis jetzt nicht. Es gibt immer wieder Demonstrationen wegen verschiedenen Debatten, die nicht mit islamisch-traditionalistischen Überlieferungen bzw. Selbstverständlichkeiten vereinbart sind, wie z.B. die Anti-Demonstration gegen den ägyptischen Schriftsteller Sharif Al-Shubashi und seinen Aufruf, das Kopftuch abzulegen. Das heißt Protestbewegung wird es immer geben, solange sie gegen allgemein gültige und akzeptierte islamische Verhaltensweisen verstoßen. Das merkwürdigste ist aber, dass selbst in Ländern mit objektiver Überfremdung, wie Katar oder VAE mit Migrantenanteil von über 80% keine organisierte Protestbewegungen gegen Überfremdung gab.

Die letzte Frage für Pegida hierzulande ist, warum ist Kultur eigentlich immer bedroht? An Anlehnung an einem tollen Buch von Christian Demand. Die Antwort ist: solange man die eigene Kultur immer als inselartiges isoliertes Territorium wahrnimmt, wird sie immer bedroht bleiben und gerade jetzt, wo die Schnelligkeit des Austausches für manches geistiges Vermögen nicht zu verkraften ist!

Why Syrian refugees don’t want to camp in Saudi Arabia?

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Jamal Khashoggi is a very influential Saudi journalist, columnist and author . One of his last columns: “Syrian refugees don’t want to camp in Saudi Arabia. They want a future” on the website of the TV program alarabiya explains a situation which many People in Western countries may not understand. Saudi officials published many statements about the number of Syrian refugees in Saudi Arabia. Khashoggi gives an explanation of the different views on the numbers of Saudi Arabia and Western Media: “The Saudi kingdom has been receiving Syrians ever since the Syrian tragedy began. An official I spoke with estimates their number at half million. These Syrians, however, have not been registered as refugees, as Saudi Arabia is not a country neighboring Syria and these people have not arrived as refugees, but have entered via a visit visa. Saudi Arabia welcomed them over all this time and it did not force them to leave or detain those whose visa expired – however, another country that is supposedly a brotherly country of Syria actually did that. Some Syrians in Saudi Arabia found jobs, others didn’t. The government allowed them to send their children to public schools but this does not mean they are happy. My Syrian friend has seen the occupants of his tiny apartment in Jeddah double; there’s nothing he can do, but be patient.”

Khashoggi explains why Syrian Refugees move to Europe instead of living or searching for asylum in an Arabian country which is similar in culture: “However, Syrians don’t want to go to Saudi Arabia as refugees. Saudi Arabia or other Gulf countries’ building of refugee camps is of no use because Syrians have had enough of living in camps and they want to have a proper life. And as long as we don’t give them their country back, they will continue to travel in search of a country where they can build a future, and Saudi Arabia and Gulf countries cannot provide them with this option. There’s another Syrian man I know who lives in Saudi Arabia. He plans to immigrate to Europe in any way possible. He hears of his paternal cousin who got a job in Sweden and gained citizenship, like thousands of Syrians, Iraqis, Afghanis, Somalis and other Arab or Muslim people who are miserable in their own countries, plagued as they are by failure, war, and secular, religious and sectarian extremism.”

I copy this article from alarabiya without chnaging its content:

In Saudi Arabia, we don’t easily grant citizenship and that’s also the case in most Gulf countries. This policy is not due to racism or superiority – given that, for example, Saudi Arabia’s citizens consist of all races. The reason is purely economic. Our situation is like that of some European countries, like Hungary and Greece, who don’t want immigrants because their economies cannot contain them. We are not an enormous economic power like Germany who can – or rather, needs – to contain more immigrants yet it’s unwilling because it wants to select them and not receive them in such huge numbers.

Therefore, the reason is purely economic. Our brotherly relations with the Syrian people still prevailed, and we opened our doors to them as much we could. But our economy cannot tolerate hosting refugees who turn into residents.

This is because our market is already saturated with foreign labor, which most of us don’t even need, and this has negatively affected our society and economy. We hesitatingly think of how to resolve this accumulated problem. We are shocked by the number of foreign laborers in our country and by the reality of unemployment among our sons whenever we hold a conference to discuss “foreign labor in Gulf states, its reality and future.”

We’ve become “addicted” to foreign labor, which constitutes one third of Saudi Arabia’s population.

This latter phrase is the headline of a study by Jassim Hussain published last week by Al-Jazeera. Whoever read this study must have felt worried and realized the threats surrounding the Gulf’s future as it further sinks in the sea of foreign laborers – who will continue to be foreign as long as they live in a society that does not, and cannot resettle them.

However, we quickly forget or ignore our worry and resume our distorted economic life because we’ve become “addicted” to that foreign labor, which constitutes one third of Saudi Arabia’s population – and which constitutes even more, up to 80% in other Gulf countries. Some of us want to decrease their numbers (I am sure that officials in Saudi Arabia want that and are planning for it).

Therefore, resettling hundreds of thousands of Syrians will confuse all our economic calculations and affect citizens’ interests. I say “resettle” because this is what Syrians want. They don’t want a tent or a camp surrounded by iron bars like those they escaped from in Jordan’s Zaatari camp or in Turkey’s Gaziantep.

Nothing distinguishes one tent from another – they are all miserable after you spend a year or two in them as you wait to return home. Syrians want to settle and become citizens. They want to become Jordanians but there are not enough jobs there, or become Turks and argue with their bosses and earn the same salary as their Turkish colleagues.

The father of Aylan Kurdi – the three-year-old Syrian boy who drowned in the Mediterranean Sea, and whose photo as he lied dead on the sand made global headlines, bringing the issue of Syrian refugees into the spotlight – did not directly escape from Kobani to the sea. He lived in Turkey for several months before trying to flee. He experienced life in the camps and accepted a job for a humble salary – one fourth of what a Turkish citizen gains. However, he got tired of it and collected $4,000 – just enough to join the journey of death by sea and either make it to Europe and attain social security and a job to later be naturalized, or die. His family’s fate was death and his fate was to narrate his tragedy and live in misery and pain for the rest of his life.

Syrians don’t need camps as there are camps for them in Jordan, Turkey and Lebanon where around four million are officially registered as refugees. They need a home and Saudi Arabia and Gulf countries cannot be that alternative home.

Overpopulated Gulf
The crisis of Syrian refugees might as well expose the flawed labor market of Saudi Arabia and other Gulf countries and help the latter see these flaws and realize the huge mistake they committed by allowing the Arabian Peninsula to overpopulate and thus accommodate more than it can provide in terms of food and drink.

The Gulf’s consumption of natural resources is double the parentage of what God destined for this Peninsula’s residents. In the past, the Peninsula’s conditions forced people to leave to other countries, mainly to Levant countries and Iraq. However when the oil resources surfaced, immigration stopped and for the first time in history, the Peninsula became an attraction for people. Eventually it got saturated and it could no longer contain those who want to return to it – as it can barely contain its own people.

The solution is to go there and reform the situation of the Levant no matter what it takes, in order for its people to stay there or to return to it.

What we’ve witnessed in Saudi Arabia and Gulf countries – but didn’t complain of – and what Europe witnessed (and did complain of) is only the tip of the iceberg of this Syrian refugee crisis, which has been escalating for four years now. It will affect all of us, as the Syrian people also want a life.

 This article was first published in al-Hayat on September 12, 2015 and the online archiv of this newspaper stands as an eye-witness for redaing these events.

Zahlen und Fakten: 10 Hauptherkunftsländer für Flüchtlinge in Deutschland 2015

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Die Webseite mediendienst-integration.de stellt Informationen mit Fakten und Zahlen zur Flüchtlingsthematik in Deutschland. Dieser interessante Bericht z. B. listet die die 10 Hauptherkunftsländer für Asylanträge in Deutschland von Januar bis Juni 2015 auf:

1. Syrien 34.428

2. Kosovo 31.400

3. Albanien 22.209

4. Serbien 15.822

5. Irak 9.286

6. Afghanistan 8.179

7. Mazedonien 6.704

8. Bosnien-Herzegowina 4.061

9. Eritrea 3.636

10. Nigeria 2.864

Diese Zahlen zeigen nur die Asylanträge in Deutschland und nur bis Juni 2015. Googlt man nach Zahl der Flüchtlinge in Deutschland, findet man noch aktuellere Zahlen, z.B. auf der Seite des Bundesamt für Migration.

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Das ist interessant zu erfahren, dass bei den meisten Auseinandersetzungen und medialen Debatten kaum von Zahlen und Daten geredet wird, sondern mehr von Überforderungen, Ängste und Überbelastung. Natürlich kann man sagen die Zahlen sind gefälscht oder “ich glaube keiner Statistik, die ich selbst nicht verfälscht habe”. Der Mensch ist ein innovatives Wesen und findet zahlreiche Wege, um mit “kognitiver Dissonanzen” umzugehen und passende Coping-Strategien zu entwickeln. Meines Wissen werden weniger Daten und Zahlen berichtet, obwohl die Zahlen der sich zurzeit aufhaltenden Flüchtlinge in Deutschland bekannt seien muss, zumindest seit der Einführung der Grenzkontrolle zwischen Deutschland und Österreich!

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Über die Organisation der Notunterkünfte und den Umgang mit den Flüchtlingen

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Zwei Erfahrungsberichte habe ich in diesem Blog veröffentlicht: Interkulturelle Kommunikation in Erstaufnahmeeinrichtung und Flüchtlingsunterkünften und Umgang mit Flüchtlingen in den Erstaufnahmeeinrichtungen: nutzt interkulturelle Kompetenz da wirklich?. Jetzt folgt ein dritter Erfahrungsbericht aus dem Einsatz in einer Erstaufnahmeeinrichtung. Eine Kollegin schildert hier ihre Erfahrung und was sie in drei Tagen erlebt hat:

“Die Einrichtung wird betrieben Für die Flüchtlinge, aber letztendlich hatte ich den Eindruck, dass es allen Verantwortlichen hauptsächlich darum ging, Ihrer Position und Rolle gerecht zu werden. Die Betroffen, also die Flüchtlinge für die der ganze Aufwand nun mal betrieben wird, wurden aus meiner Sicht, gänzlich zur Nebensache. Im Mittelpunkt stand vielmehr, Meetings zu organisieren und die “to-do-Liste” zu erweitern. Die Flüchtlinge kamen mir vor, wie „bestellt und nicht abgeholt“.
Mir ist bewusst, dass zum Zeitpunkt meiner Anwesenheit absoluter Ausnahmezustand herrschte und es ohne Frage essentiell ist, grundlegende Abläufe, Strukturen und Zuständigkeiten zu etablieren. Denn ohne Struktur kann so eine Einrichtung auch nicht in Gang kommen. Dennoch, kann ich aus persönlicher Sicht und nach einigen Gesprächen mit Flüchtlingen, behaupten, dass alle mit denen ich Kontakt hatte, frustriert waren und ein generelles Unverständnis herrschte, insbesondere in Bezug auf Essensvergabezeiten und die nächtliche Kälte in den Schlafsälen auf Grund (sehr!) dünner/wenigen Decken. Die Menschen dort hatten starkes Informationsbedürfnis und suchten mich immer wieder auf. Es kamen durchweg die selben Fragen/Forderungen auf:

“Ich kann nachts vor Kälte nicht schlafen! Wir haben alle grippale Infekte. Wir brauchen dickere Decken“

„Das Essen ist nicht genießbar und zu wenig. Mittags wird kein Trinkwasser ausgegeben und ab 20 Uhr gibt es gar nichts mehr, nicht mal einen Tee!“

„Wann fängt die offizielle Registrierung an? Es heißt, Familien werden zuerst registriert?Und nach der Registrierung werden wir sofort wo anders untergebracht?“

Ich bin davon überzeugt, dass durch eine regelmäßige (täglich?) professionelle Information an die Flüchtlinge, die momentan angespannte Situation etwas beruhigt werden kann. Es geht darum, für die Betroffenen transparent zu machen, wie und wann es für sie weiter geht. Meiner Meinung nach, hat jeder Flüchtlinge das Recht zu erfahren, wie es mit ihm weiter geht und dies findet momentan wenig bis gar nicht statt!
Das darf nicht irgendein Dolmetscher machen, oder ein Flüchtlinge mit guten Englischkenntnissen, sondern eine/r vom festen Team, die/der in der nächsten Zeit DER Ansprechpartner für die Bewohner bleiben kann!
Neue Informationen sind auch verbunden mit neuen Fragen und eventuell auch negativen Reaktionen. Wir haben festgestellt, dass Informationen über „Zettel aushängen“ nicht ausreicht, auch wenn es uns in dem Moment besser erschien, als Fragen weiterhin unbeantwortet zu lassen.”

Ohne Klischees und Stereotype zu schüren, sehe ich in den dargestellten Erfahrungen der Kollegin einiges, was Typisch Deutsch ist. Man kümmert sich erstmal um den Prozess, Planung von Strukturen und Aufgaben, Organisationsabläufe, Schaffung von transparenten Informationswegen und Aufstellung von reibungslosen Arbeitsprozessen. Diese Vorgehensweise lässt sich unter dem Kulturstandard: Sachorientierung (siehe das sehr lesenswerte Buch von Alexander Thomas, 2011, Interkulturelle Handlungskompetenz, ab Seite 151 für eine umfassende Beschreibung für diesen Kulturstandard). In einer humanitären Notsituation hört sich eine reine Sachorientierung inhuman an: notleidende Menschen werden als Objekt gesehen und das Schicksal bzw. Zukunft der Flüchtlinge interessiert niemanden. Diese oberflächliche und vorurteilsbehaftete Sichtweise ist absolut falsch und stellt nie die Absicht der Zuständigen in einer Notunterkunft dar. Fragt man alle Zuständigen nach ihren Motivation für die Arbeit in einer Notunterkunft, antworten die meisten mit “ich möchte notleideten Menschen helfen”. Die Frage jetzt: warum kommt diese Motivation bei den Hilfeempfängern nicht an? Meines Erachtens passiert das, wenn man die kulturelle Prägung des eigenen Verhaltens nicht reflektiert bzw. man hat sich weniger mit solchen Themen auseinandergesetzt. Ich hoffe, dass die ausgeschilderten Situationen uns weiterhelfen und irgendwelche Empfehlungen für die Praxis ableiten.

Interkulturelle Kommunikation in Erstaufnahmeeinrichtung und Flüchtlingsunterkünften

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In einem Beitrag habe ich über meine Erfahrung in einer Erstaufnahmeeinrichtung  für Flüchtlinge berichtet. Die Frage nach Nützlichkeit eines interkulturellen Trainings für Mitarbeitende wurde jedoch nicht beantwortet. Ich habe eine Situation ausgeschildert aus Sicht einer Kollegin und ich nehme an, dass interkulturelle Unterschiede dabei eine Rolle spielen. Googlt man Begriffe wie interkulturelle Kommunikation + Flüchtlinge, kommt man auf verschiedene Angebote, deren Ziel ist, Techniken für effektive und konfliktfreie Kommunikation mit Flüchtlingen zu vermitteln. Das Angebot richtet sich an Mitarbeitenden der Flüchtlingsunterkünften oder an ehrenamtliche Helferinnen und Helfer. Beispiele sind die Angebote von caritas “Fremde Kulturen verstehen lernen“, worüber ein Bericht in der lokalen Zeitung stand. Bei diesen Angeboten erlernt man Maßnahmen zur Förderung der Kooperation mit Dolmetschern oder Vermittlung von Informationen an Flüchtlinge. Eine sehr interessante Bildungsmaßnahme wird von ASB angeboten unter dem Titel “Interkulturelle Kommunikation in Flüchtlingsunterkünften“, wo der Fokus sich nicht nur auf interkulturelle Unterschiede bzgl. der kommunikativen Aspekte mit Flüchtlingen richtet, sondern auf alle Ebenen, wo Interkulturalität eine Rolle spielt. Im erwähnten Beitrag in diesem Blog war die Rede von “Lagebesprechungen”, die zwei Mal pro Tag für jeweils eine Stunde stattfinden. Das ist ein Beispiel für die deutsche planungsorientierte Arbeitskultur. Selbst in Notsituation möchte man Regeln und Strukturen aufstellen, die von allen Beteiligten ausführlich diskutiert und debattiert werden können, bis sie von allen als verbindlich akzeptiert werden, also im Sinne des deutschen Kulturstandards: “Wertschätzung von Strukturen und Regeln“. Ich habe in  mehreren Lagebesprechungen teilgenommen und habe festgestellt, dass Interkulturalität dabei eine sehr wichtige Rolle spielt, z.B. bzgl. der erwartete Partizipation. In einer Lagebesprechung haben 10 Personen teilgenommen: 5 deutsche und 5 mit Migrationshintergrund: 1 aus Bulgarien, 1 aus Syrien, 2 aus der Türkei und 1 aus Georgien. Als teilnehmender Beobachter habe ich anhand zuvor definierten Kriterien die Redeanteile analysiert und dabei festgestellt, dass in einer Zeiteinheit von einer Stunde 95% der Besprechung unter den 5 deutschen Personen war und der Beitrag der anderen 5 Personen mit Migrationshintergrund nicht mehr als 5% der gesamten Besprechung ausmacht. Ist damit die erhoffte Partizipation erreicht? Sind die gesandten Informationen beim Empfänger angekommen?  Welche andere Möglichkeit hat man, um Informationen transparent und effizient zu vermitteln?

Solche Fragen sollen in interkulturellen Trainings in den Notunterkünften thematisiert werden und dafür Lösungen und Handlungsoptionen erarbeitet werden.

Haltung beim Thema Flüchtlinge in Deutschland: interkulturell betrachtet?

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Die Tagesschau ist immerhin die einflussreichste und seriöseste Nachrichtensendung der deutschen Medien. Damit diese Seriosität und Neutralität nicht wegen der Berichterstattung rund um das Thema Flüchtlinge leidet, hat die Tagesschau ihre Haltung zum Thema veröffentlicht. Den Nachrichtenmachern ist es bewusst, dass bei manchen Beiträgen eine parteiübergreifende Haltung notwendig sei – ich zitiere folgende Zeilen aus dem Blog der Sendung: “Wenn wir solche Initiativen zeigen, ergreifen wir dann Partei und verlassen damit die gebotene Neutralität? Nein, ich denke nicht, ich glaube sogar, dass dies Teil unseres Auftrages ist. Denn der sieht vor, dass unsere Nachrichten gesellschaftliche Teilhabe und Engagement fördern sollen. Wir tun dies in der Regel, indem wir mit Informationen die Bürger bei der Urteilsbildung unterstützen. Schließlich ist der öffentlich-rechtliche Rundfunk (und die Tagesschau) mal erfunden worden, um einen Beitrag zu einem Gemeinwesen zu leisten, das in einem offenen Wettstreit der Meinungen seinen Kurs bestimmt und sich die Leute dabei nicht die Köppe einhauen. Was liegt da näher, als darzustellen, welche Projekte Bürger anpacken, ohne auf staatliches Handeln zu warten?”. “Das ist ein schmaler Grat. Die Gefahr bei dieser Art von Informationen ist, dass wir uns selbst als Beschützer der Flüchtlinge inszenieren und alles toll finden, was mit Flüchtlingen zu tun hat. Das wäre unjournalistisch. Es ist wichtig, dass wir alle Aspekte des Flüchtlingsthemas beleuchten. Dazu gehören Demonstrationen, Bürgerwut, rassistische Ausschreitungen. Dazu gehören Konflikte unter den Flüchtlingen. Dazu gehören Polizisten, die in Konfliktsituationen ihre Gesundheit riskieren. Und: Dazu gehört auch das Thema Abschiebung.”

Das ist die Haltung der Sendung also zum Thema: das Ziel ist, den Bürgern bei der Urteilsbildung zu unterstützen und ohne Beschönigung oder Populismus zu berichten. Wie sehen die Bürger das denn? Neben den nicht repräsentativen Interviews mit Passanten, verspiegeln die Umfragen ein Gesamtbild. Eine andere Quelle sind die Online Kommentare der Leser. Im Blog der Tagesschau kommentieren die Leser auf diesen Beitrag um die Haltung beim Thema Flüchtlinge. bis heute (16.10.2015, 19:44) standen seit 24.08.2015 178 Kommentare. Die Anzahl der Kommentare ist vom ersten Blick sehr gut, allerdings stellt man nach paar Minuten fest, dass ca. 50 Kommentare von 3 Lesern stammen. Die größte Mehrheit der Kommentare repräsentieren die Meinungen einzelner Personen, zumindest wie das vom ersten Blick erscheint. Es ist nie ausgeschlossen, dass einzelne Personen unter verschiedenen Namen kommentieren. Ich möchte damit sagen, dass Leser Kommentare als Quelle der Information sehr verzerrungsanfällig ist. Mit bestimmten Techniken kann man trotz der Verzerrungsanfälligkeit gehaltvolle Inhalte aus den Leserkommentaren extrahieren. Ich kopiere hier 2 Kommentare, die 2 verschiedenen Typen widerspiegeln, die zurzeit höchst gesellschaftlich repräsentativ sind:

Friederich Prinz kommentiert am 24. August 2015, dass das ein unnötiger Blogeintrag wäre. Niemand habe die Berichterstattung der ARD bezüglich der Flüchtlingsthematik als ‘parteiisch’ kritisiert: “Was mir persönlich fehlt, betrifft die vielen Hinweise in Kommentaren, die zu diesem Themenkomplex immer häufiger darauf hinweisen, daß ‘wir’ nun doch endlich nach draußen denken müssen und Lösungen nur noch dort seriös und langfristig wirksam sehen, wo an den Entstehungsorten der modernen Völkerwanderung angesetzt wird. DAS nehmen die ARD nicht auf, weil politisch nicht gewollt”.   

das Gegenteil sieht das Kommentar von Antonia Gruse vom 24. August 2015: “Ich muss Ihnen ehrlich sagen, dass ich Ihre bisherige Berichterstattung nicht neutral oder gar zu positiv fand. Vorallem ist mir die eklatante Verharmlosung rechtsextremer Gewalt durch die Medien – auch Ihres Mediums – aufgefallen. Aus überzeugten Rechtsradikalen, die mehrere Tage mit Gewalt gegen geflüchtete Menschen vorgehen und schwere Straftaten verüben, werden “besorgte Bürger” oder aber “Asylkritiker”, deren Ängste man ernstnehmen muss. “Bürgerwut”? Mit Verlaub – das ist fahrlässig! PolitikerInnen, die gegen Geflüchtete hetzen werden ebenfalls nicht als das benannt, was sie sind, nämlich RassistenInnen. Und PolizistInnen, die untätig sind und nicht gegen Gewalttäter vorgehen werden in Ihren Medien nur unter dem Aspekt dargestellt, dass sie ihre eigene Gesundheit riskieren. Also bitte! Ihre angebliche Neutralität verschleiert und verharmlost die gewalttätige Hetze und Stimmung in diesem Land. In diesem Sinne machen Sie sich eher (mit)schuldig, nicht genug dagegen vorzugehen.”

Auch die Kommentare auf anderen seriösen Plattformen verspiegeln beide Lagern: Hier ist ein Beispiel aus der Zeit als Komment auf Bulgariens Grenzschützer erschießen Flüchtling:

Oyten #7 : “Da die Kommunikation unter Migranten (dank guter Ausstattung mit Smartphones) bestens funktioniert, wird sich schnell herumsprechen, dass die. Bulgaren scharfe Waffen benutzen. Es wird sich an diesem Beispiel zeigen, dass bei gegebenem Willen Grenzen sich durchaus schützen lassen. Sofern Warnschüsse abgegeben werden, ist das auch ein rechtsstaatlich korrekter Vorgang. Es liegt dann im Ermessen der illegal Einreisenden, ob sie ihren Rechtsbruch fortsetzen wollen. Mit allen möglichen Konsequenzen. Eine gegnerische Antwort lautet: “Sie hoffen also das der Tod eines Menschen dazu führt eine abschreckende Wirkung auf andere Menschen zu haben? Und wenn nicht? Sollten dann vielleicht noch einige sterben, durch einen angeblichen Unfall? Und wenn ja, wieviele bis das Ziel erreicht ist?

Das Thema spaltet also ganz, wobei der Kontra-Block am lautesten ist bzw. sehr überrepräsentiert. Wie wird das Thema in anderen Ländern bzw. Kulturen aufgenommen. Ich meine hier nicht die Wahrnehmung der deutschen Flüchtlingskrise im Ausland, sondern wie gehen andere Länder damit um. Hier ist ein Beispiel aus der Türkei. Die nächsten Beiträge beleuchten dieses Thema: interkultureller Vergleich bzgl. der gesellschaftlichen Haltung und Umgang beim Thema Flüchtlinge.

Umgang mit Flüchtlingen in den Erstaufnahmeeinrichtungen: nutzt interkulturelle Kompetenz da wirklich?

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Ich habe mehrere Wochen in verschiedenen Erstaufnahmeeinrichtungen in Hessen und NRW verbracht. Man Auftrag war zu untersuchen und analysieren, inwiefern interkulturelle Kompetenz und die zahlreichen Erkenntnisse der interkulturellen Kommunikation und Psychologie für das Personal nützlich sein kann. Ich war Mitglied in einem Team aus 5 Personen: 2 Medizinern und 3 Trainer, Berater, Experte für Aspekte der psycho-sozialen, emotionalen und interkulturellen Themen.  In diesem Thread möchte ich eine Nachricht von einem Teammitglied nach dem Einsatz posten. Dabei stehen einige best practice und Beispiele, wie die Situation in einigen Erstaufnahmeeinrichtungen momentan aussieht:

“Nachdem ich gestern Abend die Einrichtung etwas gefrustet verlassen habe, habe ich mir ein paar Gedanken gemacht und einen „Schuldigen“ ausgemacht. Die Kommunikation.

Wir haben ja schon festgestellt, dass wir mit anderen Erwartungen an unsere Rolle dort angekommen sind. Ich dachte also ich würde die nächsten Tage analysiere, Mitarbeitende trainiere oder ggfs. Kisten schleppen, Betten aufbauen etc. Trotzdem haben wir schnell und flexibel reagiert und ich bin auch überzeugt, dass das, was wir  gemacht haben, sehr gut und wichtig war.

Ich glaube, dass der Grund für unsere Anwesenheit mit der Einrichtungsleitung nicht optimal kommuniziert wurde. Mir drängt sich der Verdacht auf, dass die eigentlich nicht so genau wussten, was wir da wollen/sollen und wer wir eigentlich sind. In der Folge fühlte ich mich auch immer verlorener und stellte meine Anwesenheit in Frage.

Keinen klaren Arbeitsauftrag zu haben führte bei mir zu einer gewissen Verunsicherung. Ich bin sozusagen in Beschäftigungen hinein geplumpst, ohne zu wissen, ob das gewünscht ist oder ich hier gerade meine Kompetenzen überschreite.

Ich werde versuchen ein paar Baustellen aus meiner persönlichen Sicht darzustellen:

Die Mitarbeiter sind sehr motiviert und haben Ideen. Diese Ideen müssen jedoch kanalisiert und priorisiert werden. Hier muss aufgepasst werden, dass durch den Aktionismus der einzelnen die Grundversorgung nicht aus dem Auge verloren wird (Thema Lagerbestand erfassen und Versorgung sichern). Es fehlt an klaren Zuständigkeiten. Wer kümmert sich eigentlich worum? (Tätigkeitsbeschreibungen fehlen) Alles landet auf irgendeinem Zettel. Es gibt noch kein System. Das liegt natürlich auch daran, dass es keine ausreichende Planungsphase gab. Dennoch bin ich überzeugt, dass man mit relativ wenig Aufwand eine (übergangsweise) Organisationsstruktur hätte etablieren können, die übersichtlich und transparent ist.

An der Tür im Backoffice hing dann zwar irgendeine Abteilungseinteilung, die für Außenstehende aber total undurchsichtig war, zumal da keine Namen drauf standen. Vertreter des Regierungspräsidiums und des Katastrophenschutzes suchten oft vergeblich nach Ansprechpartnern.

Der Mitarbeiter des Regierungspräsidiums sagte zu mir, er habe das Gefühl, da gibt es gerade ganz viele Köpfe, aber keinen Häuptling. So habe ich das auch empfunden. Es wurde viel geredet, aber es passierte oft ganz lange nichts.

Die Kommunikation läuft immer im Kreis, der Informationsfluss ist mir total schleierhaft. Vor allem war mir manchmal nicht klar ob die jeweilige Info auch immer die richtige Person erreichte oder in den unendlichen Weiten des Zettelwaldes versackte.

Mein Vorschlag wäre z.B. Benennung von Koordinatoren für bestimmte Themengebiete (Kinderbetreuung, Bildung für Flüchtlinge, Informationen für Flüchtlinge, Hilfe zur Selbsthilfe etc.) bei denen die Ideen und Informationen für das jeweilige Thema zusammenlaufen, diese strukturieren und bewerten, bevor sie überhaupt bei der Leitung landen. Im Moment scheint aber alles bei der Leitung zu landen, wodurch wichtige Themen verschleppt werden.

Beispiel Information von Flüchtlingen: Ich halte dies für extrem wichtig, gerade angesichts der schlechten Versorgungslage.

Thema Lagebesprechung: Ich hatte Gelegenheit an einer teilzunehmen. Allerdings war die Runde kleiner, wir waren nur zu viert. Die meiste Zeit sprachen die beiden Vertreter des Regierungspräsidiums. Ich wollte einfach nur beobachten, aber hatte den Eindruck, dass die beiden mehr mit mir sprachen als mit Herrn XXXX, weshalb ich irgendwann nicht mehr umhin kam auch etwas zu sagen außer mhm ja. Vielleicht lag es daran, dass wir eben nur zu viert waren und die Vertreter des Regierungspräsidiums nicht wussten, wie meine Rolle einzuschätzen ist. Vielleicht lag es auch daran, dass Herr XXXX immer mit schreiben beschäftigt war. Jedenfalls war mir das etwas unangenehm.

Der eigentliche Leiter der Einrichtung kann wegen einer noch andauernden anderen Anstellung erst ab Dezember voll einsteigen. Im Moment kommt er wohl nur Abends zu Besprechungen und am Wochenende. Bei mir entsteht der Eindruck, dass die Prozesse dadurch verlangsamt werden.

Ich könnte noch stundenlang weiter schreiben und hätte einige Ideen zur Organisation. Aber vielleicht erst mal nur noch so viel:

– Ich halte es für wichtig, dass das Team Unterstützung bekommt.

– Die Mitarbeiter nehmen im Moment eher die Sichtweise der Flüchtlinge an. Das ist zwar wichtig und gut, kann aber dazu führen, dass sie bald an ihre Grenzen stoßen. Man muss auch die eigene Position vertreten können, die manchmal dazu zwingt nein zu sagen. Dann muss ich begründen können, warum das so ist.

– Tätigkeitsbeschreibungen, Befugnisse und Zuständigkeiten müssen geklärt und transparent gemacht werden

– Zu überlegen wäre, die Erstellung eines Leitbildes

– Die Notwendigkeit, den Flüchtlingen Informationen zukommen zu lassen, wird meines Erachtens unterschätzt.


Die oben dargestellten Erfahrungen reflektieren die subjektive Sichtweise eines Außenstehenden Beobachters, wie die Situation in einer der Erstaufnahmeeinrichtungen zurzeit aussieht. Die Frage ist: was kann man daraus lernen und wie kann man Erkenntnisse aus der interkulturellen Kommunikation zum Beispiel umsetzen?

Flüchtlinge in Deutschland: zwischen Berichterstattung und Volksverhetzung?

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Tippt man den Buchstaben “f” bei Google, schlägt dann die automatische Vervollständigungsfunktion von Google “facebbok” an der ersten Stelle und dann “Flüchtlinge” an der zweiten Stelle. Das ist vielleicht ein Indiz dafür, wie wichtig das Thema momentan ist. Man kann zur Recht behaupten, dass das Thema Flüchtlinge zurzeit das wichtigste Thema überhaupt ist und vielleicht nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa. Dieser Trend hält seit Juli 2015 ununterbrochen an, was total ungewöhnlich in der schnellen Informationsflut der digitalen Kommunikation ist. Die Verunsicherung und die damit projizierte Ängste sind jedoch in den letzten 3 Wochen enorm gestiegen: aus “wir schaffen das” ist “schaffen wir das wirklich?” geworden, wie Marietta Slomka vom zdf heute journal am 14.10.2015 exemplarisch sagte.

Diese Verunsicherung erlebt man am stärksten durch die Presse. Beispiele dafür sind folgende Artikel vom 15.10.2015:

Wintereinbruch in Deutschland: Wo sollen all die Flüchtlinge hin? ein sehr lesenswerter Beitrag von FAZ. Die Autorin Frau Uta Rasche beschreibt die Situation sehr kompetent und neutral, wie man von einem Meinungsbildenden Journalismus erwartet: neutrale Berichterstattung. Doch am Ende und nach Empfangen dieser gesandten Informationen (um beim einfachen Sender-Empfänger-Modell zu bleiben), frage ich mich, was soll man dann tun? was bleibt dann anders übrig? Selbst trotz Neutralität und Kompetenz der Berichterstattung in diesem Beitrag wird das Gefühl der Verunsicherung stärker. Wie soll man dann sich fühlen, wenn man die Schlagzeilen der Boulevardpresse liest? Die Antwort ist klar: die Welt ist eine gefährlicher Ort! Klarer Fall für diskursive Gelegenheitsstrukturen. Oder? Und was passiert dann, wenn das ganze Experiment schiefgeht? Und wie sieht das multikulturelle Zusammenleben im Einwanderungsland Deutschland in 5 Jahren aus? Die Berichterstattung sollte meines Erachtens auf dieses Thema eingehen und nicht nur vermeintlich neutral zu bleiben.

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Ahlan wa sahlan

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