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Ich habe mehrere Wochen in verschiedenen Erstaufnahmeeinrichtungen in Hessen und NRW verbracht. Man Auftrag war zu untersuchen und analysieren, inwiefern interkulturelle Kompetenz und die zahlreichen Erkenntnisse der interkulturellen Kommunikation und Psychologie für das Personal nützlich sein kann. Ich war Mitglied in einem Team aus 5 Personen: 2 Medizinern und 3 Trainer, Berater, Experte für Aspekte der psycho-sozialen, emotionalen und interkulturellen Themen.  In diesem Thread möchte ich eine Nachricht von einem Teammitglied nach dem Einsatz posten. Dabei stehen einige best practice und Beispiele, wie die Situation in einigen Erstaufnahmeeinrichtungen momentan aussieht:

“Nachdem ich gestern Abend die Einrichtung etwas gefrustet verlassen habe, habe ich mir ein paar Gedanken gemacht und einen „Schuldigen“ ausgemacht. Die Kommunikation.

Wir haben ja schon festgestellt, dass wir mit anderen Erwartungen an unsere Rolle dort angekommen sind. Ich dachte also ich würde die nächsten Tage analysiere, Mitarbeitende trainiere oder ggfs. Kisten schleppen, Betten aufbauen etc. Trotzdem haben wir schnell und flexibel reagiert und ich bin auch überzeugt, dass das, was wir  gemacht haben, sehr gut und wichtig war.

Ich glaube, dass der Grund für unsere Anwesenheit mit der Einrichtungsleitung nicht optimal kommuniziert wurde. Mir drängt sich der Verdacht auf, dass die eigentlich nicht so genau wussten, was wir da wollen/sollen und wer wir eigentlich sind. In der Folge fühlte ich mich auch immer verlorener und stellte meine Anwesenheit in Frage.

Keinen klaren Arbeitsauftrag zu haben führte bei mir zu einer gewissen Verunsicherung. Ich bin sozusagen in Beschäftigungen hinein geplumpst, ohne zu wissen, ob das gewünscht ist oder ich hier gerade meine Kompetenzen überschreite.

Ich werde versuchen ein paar Baustellen aus meiner persönlichen Sicht darzustellen:

Die Mitarbeiter sind sehr motiviert und haben Ideen. Diese Ideen müssen jedoch kanalisiert und priorisiert werden. Hier muss aufgepasst werden, dass durch den Aktionismus der einzelnen die Grundversorgung nicht aus dem Auge verloren wird (Thema Lagerbestand erfassen und Versorgung sichern). Es fehlt an klaren Zuständigkeiten. Wer kümmert sich eigentlich worum? (Tätigkeitsbeschreibungen fehlen) Alles landet auf irgendeinem Zettel. Es gibt noch kein System. Das liegt natürlich auch daran, dass es keine ausreichende Planungsphase gab. Dennoch bin ich überzeugt, dass man mit relativ wenig Aufwand eine (übergangsweise) Organisationsstruktur hätte etablieren können, die übersichtlich und transparent ist.

An der Tür im Backoffice hing dann zwar irgendeine Abteilungseinteilung, die für Außenstehende aber total undurchsichtig war, zumal da keine Namen drauf standen. Vertreter des Regierungspräsidiums und des Katastrophenschutzes suchten oft vergeblich nach Ansprechpartnern.

Der Mitarbeiter des Regierungspräsidiums sagte zu mir, er habe das Gefühl, da gibt es gerade ganz viele Köpfe, aber keinen Häuptling. So habe ich das auch empfunden. Es wurde viel geredet, aber es passierte oft ganz lange nichts.

Die Kommunikation läuft immer im Kreis, der Informationsfluss ist mir total schleierhaft. Vor allem war mir manchmal nicht klar ob die jeweilige Info auch immer die richtige Person erreichte oder in den unendlichen Weiten des Zettelwaldes versackte.

Mein Vorschlag wäre z.B. Benennung von Koordinatoren für bestimmte Themengebiete (Kinderbetreuung, Bildung für Flüchtlinge, Informationen für Flüchtlinge, Hilfe zur Selbsthilfe etc.) bei denen die Ideen und Informationen für das jeweilige Thema zusammenlaufen, diese strukturieren und bewerten, bevor sie überhaupt bei der Leitung landen. Im Moment scheint aber alles bei der Leitung zu landen, wodurch wichtige Themen verschleppt werden.

Beispiel Information von Flüchtlingen: Ich halte dies für extrem wichtig, gerade angesichts der schlechten Versorgungslage.

Thema Lagebesprechung: Ich hatte Gelegenheit an einer teilzunehmen. Allerdings war die Runde kleiner, wir waren nur zu viert. Die meiste Zeit sprachen die beiden Vertreter des Regierungspräsidiums. Ich wollte einfach nur beobachten, aber hatte den Eindruck, dass die beiden mehr mit mir sprachen als mit Herrn XXXX, weshalb ich irgendwann nicht mehr umhin kam auch etwas zu sagen außer mhm ja. Vielleicht lag es daran, dass wir eben nur zu viert waren und die Vertreter des Regierungspräsidiums nicht wussten, wie meine Rolle einzuschätzen ist. Vielleicht lag es auch daran, dass Herr XXXX immer mit schreiben beschäftigt war. Jedenfalls war mir das etwas unangenehm.

Der eigentliche Leiter der Einrichtung kann wegen einer noch andauernden anderen Anstellung erst ab Dezember voll einsteigen. Im Moment kommt er wohl nur Abends zu Besprechungen und am Wochenende. Bei mir entsteht der Eindruck, dass die Prozesse dadurch verlangsamt werden.

Ich könnte noch stundenlang weiter schreiben und hätte einige Ideen zur Organisation. Aber vielleicht erst mal nur noch so viel:

– Ich halte es für wichtig, dass das Team Unterstützung bekommt.

– Die Mitarbeiter nehmen im Moment eher die Sichtweise der Flüchtlinge an. Das ist zwar wichtig und gut, kann aber dazu führen, dass sie bald an ihre Grenzen stoßen. Man muss auch die eigene Position vertreten können, die manchmal dazu zwingt nein zu sagen. Dann muss ich begründen können, warum das so ist.

– Tätigkeitsbeschreibungen, Befugnisse und Zuständigkeiten müssen geklärt und transparent gemacht werden

– Zu überlegen wäre, die Erstellung eines Leitbildes

– Die Notwendigkeit, den Flüchtlingen Informationen zukommen zu lassen, wird meines Erachtens unterschätzt.


Die oben dargestellten Erfahrungen reflektieren die subjektive Sichtweise eines Außenstehenden Beobachters, wie die Situation in einer der Erstaufnahmeeinrichtungen zurzeit aussieht. Die Frage ist: was kann man daraus lernen und wie kann man Erkenntnisse aus der interkulturellen Kommunikation zum Beispiel umsetzen?